Die Entscheidung
Hoch oben auf dem K2, dem gefürchtetsten Berg der Welt, schien dem perfekten Aufstieg nichts im Weg zu stehen. Die österreichische Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner war im Begriff, einen beachtlichen Rekord aufzustellen. Als erste Frau würde sie die Gipfel der 14 höchsten Berge der Erde bezwungen haben – ohne zusätzlichen Sauerstoff und Träger. Der K2 war ihr letzter Berg, und die 39-jährige gelernte Krankenschwester war nur Stunden vom Gipfel entfernt.
„Fredrik“, rief sie ihrem schwedischen Kameraden Fredrik Ericsson zu. „Heute ist unser Tag!“
Der Schwede wollte zum Gipfel aufsteigen und dann auf Skiern abfahren. Er hob fröhlich seine Hand, die in einem dicken Handschuh steckte. Die frühe Morgensonne spiegelte sich in seiner Sonnenbrille.
Doch um acht Uhr an diesem Morgen, als die Sonne nur ein wenig höher stand, ereignete sich die Katastrophe. „Ich befand mich links von ihm, etwas tiefer im Hang, vielleicht drei Meter entfernt, als er plötzlich in die Tiefe stürzte“, erzählt Kaltenbrunner und kämpft mit den Tränen.
Von einem Augenblick zum anderen musste sie die Entscheidung ihres Lebens treffen: Sollte sie weitergehen, die letzten 300 Meter zum Gipfel aufsteigen und ihren Traum verwirklichen? Die Alternative war, umzukehren und nach ihrem Gefährten zu suchen, obwohl ihre über 17-jährige Erfahrung als Bergsteigerin ihr sagte, dass sie für den Schweden nichts mehr tun konnte.
Sie musste sich innerhalb weniger Sekunden entscheiden: Auf- oder Absteigen.
Der 6. August 2010 war offenbar kein guter Tag, um den K2 zu bezwingen, einen Berg, den Extrembergsteiger „den Grausamen“ nennen, wegen der vielen Leben, die er schon gefordert hat. Mit seinen 8611 Metern ist er der zweithöchste Berg der Welt und der eindrucksvollste des Karakorum-Gebirges, das die Grenze zwischen China, Pakistan und Indien bildet.
Als sie am vorangegangenen Abend ihr Zelt auf einem Plateau unterhalb des Gipfels aufgeschlagen hatten, war Gerlinde voller Zuversicht gewesen. Es war ihr sechster Versuch, den Gipfel des K2 zu erklimmen. Diesmal würde sie es schaffen. In diesem Jahr hatte sie bereits den Mount Everest bezwungen, sie war optimal akklimatisiert und fühlte sich körperlich fit wie nie zuvor.
In der Presse wurde das Rennen auf die 14 höchsten Gipfel der Welt als ein Kampf zwischen drei Frauen dargestellt: Kaltenbrunner gegen ihre spanische Freundin Edurne Pasaban und die südkoreanische Bergsteigerin Oh Eun-sun. Die Koreanerin beanspruchte den Rekord für sich, allerdings bezwang sie die 14 Gipfel mit Sauerstoffflasche und mithilfe vieler Träger.
Kaltenbrunner dagegen spornt nicht der heraufbeschworene Frauenwettkampf an, sondern ihre Leidenschaft für das Bergsteigen, die Stille und die Magie der Gipfel.
Den K2 wollte sie jedoch unbedingt bezwingen.
„Es war ein wunderbarer Abend. Alles leuchtete in der Dämmerung. Der Wind blies noch mit 15 km/h.“
Leichtfüßig bewegt sich Kaltenbrunner in der Küche ihres Hauses im Schwarzwald. Sie rekonstruiert den Aufstieg auf den K2 auf einem Stück Altpapier. Die Erinnerung lässt ihre braunen Augen feucht werden.
Die Meteorologen hatten vorausgesagt, dass der Wolkenring um den felsigen Gipfel des K2 am nächsten Morgen aufbrechen würde. Das einzige Problem blieb der Steinschlag. Der Sommer 2010 war in Pakistan ungewöhnlich warm. Infolgedessen begannen die Steinaufschlüsse zu bröckeln, die sonst vom Eis zusammengehalten werden. Gerlindes Ehemann Ralf Dujmovits war deshalb auf einer Höhe von 7500 Metern umgekehrt. „Das ist mir zu gefährlich“, hatte er ihr erklärt.
„Er war nicht so motiviert wie ich. Er war schon auf dem Gipfel des K2 gewesen. Für uns war das okay, wenn einer aufhören und der andere weitermachen wollte. Keiner musste ein schlechtes Gewissen haben. Man muss seinem Gefühl vertrauen.“
Daher stiegen nur Kaltenbrunner, Ericsson und der Amerikaner Trey Cook zum Plateau auf. Sie traten den Schnee fest und bereiteten sich auf den letzten Abschnitt vor.
Kaltenbrunner trug 17 Kilogramm auf dem Rücken, obwohl sie selbst nur 58 Kilo wiegt. Sie wollte einen Großteil der Schwerstarbeit zum Gipfel in der Nacht hinter sich bringen, bevor die brennende Sonne den Stein angreift, und sofort nach dem Erklimmen des Gipfels 4000 Meter zum Basislager absteigen. Das würde hart werden, doch sie hielt dies für die beste Methode, um mit dem Sauerstoffmangel zurechtzukommen.
Gegen ein Uhr nachts brachen Ericsson und Cook auf. Kaltenbrunner schmolz noch Schnee und füllte ihre Flaschen damit. „Ich trinke sechs bis sieben Liter am Tag. Das hilft mir, mich zu konzentrieren. Männer vergessen beim Bergsteigen oft zu trinken und machen deshalb Fehler. Frauen achten mehr auf ihren Körper“, erklärt sie.
Kaltenbrunner holte die Männer schnell ein, und sie kamen gut voran. „Der Schnee ging uns nur bis zum Knie“, erinnert sie sich. „Auf dem K2 habe ich schon erlebt, dass er bis zur Hüfte reichte.“ Dann musste Cook aufgeben. Seine Fingerspitzen wurden schwarz. Er befürchtete Erfrierungen. Bergsteiger kommen mit amputierten Zehen zurecht, aber sie benötigen alle Finger.
Es blieben nur noch Ericsson und Kaltenbrunner. Die beiden kannten sich gut. Zwar gibt es auch zwischen männlichen Bergsteigern Freundschaften, aber normalerweise verhindern Konkurrenzdenken und Stolz engere Bindungen. Bei Frauen ist das anders.
Bei einer früheren Besteigun g zeigten kasachische Teamkameraden Kaltenbrunner die kalte Schulter, bis sie sie beim Klettern ausstach. Sie rettete einen Bergsteiger und nutzte ihre Kenntnisse als Krankenschwester, um dem überheblichen Anführer eine herausgefallene Zahnfüllung wieder einzusetzen. „Ich musste den Zahn trocken legen, während ich ihm die Füllung einsetzte“, erzählt sie kichernd, „also steckte ich ihm Tampons in den Mund.“
Ericsson verhielt sich ihr gegenüber freundschaftlich. Kaltenbrunner und ihr Mann hatten den 34-jährigen Schweden 2009 getroffen, als sie vom Basislager aus den K2 besteigen wollten. Fasziniert beobachteten sie durch ein Fernglas, wie er den Berg auf Skiern herunterfuhr. Das war eine besonders gefährliche Art des Abstiegs – eine flüchtige Berührung mit einem verborgenen Stein, und der Skifahrer bricht sich wahrscheinlich das Genick. Doch Ericsson war erfahren, hatte jahrelang trainiert – wie sein Gefährte, der Italiener Michele Fait.
„Sie überwanden extrem steile Abschnitte“, erzählt Kaltenbrunner und spielt mit ihrem Glücksbringer, einem Türkisarmband. „Dann blieben sie auf einem Hang mit 40-Grad-Neigung stecken, und plötzlich stürzte Michele Fait in die Tiefe.“
Ericsson fuhr verzweifelt zum Fuß der Felswand, wo Fait aufgeschlagen war. Kaltenbrunner und ihr Mann stapften 30 Minuten durch den Schnee. Doch sie konnten nur noch den Leichnam in einen Biwaksack legen.
„Ericsson war tief erschüttert und traurig. Wir kümmerten uns um ihn“, erzählt Kaltenbrunner. „Danach standen wir in engem Kontakt. Ich fühlte, dass ich ihm helfen konnte, weil ich Ähnliches erlebt hatte, und vielleicht weil es einfacher ist, sich einer Frau gegenüber zu öffnen.“
Kaltenbrunner war der Tod oft selbst begegnet. Es begann bei ihrem ersten Achttausender, dem Cho Oyu im Himalaja (8201 Meter). Beim Aufstieg mit einem australischen Bergsteiger hatte sie ihr Zelt neben dem eines Russen aufgeschlagen. Sie bat ihn, ein Foto von ihnen zu machen. Er wankte auf sie zu, machte das Foto und verschwand wieder im Zelt.
Als sie das nächste Lager erreichten, erfuhren sie, dass der Russe an der Höhenkrankheit gestorben war. Dann sahen sie, dass auf dem Bild nur ihre Füße zu erkennen waren. Er musste schon zu diesem Zeitpunkt die Orientierung verloren haben. Es folgten weitere Tragödien. Im Alter von 24 Jahren erlebte sie, wie ein tschechischer Bergsteiger direkt hinter ihr in den Tod stürzte.
In dieser Nacht schrieb sie in ihr Tagebuch: „Es kann nicht sein, dass Glück, Freude und Tod so eng miteinander verflochten sind.“ Bis heute hat sie dazu eine philosophische Betrachtungsweise. „Wir tun es aus freien Stücken“, erklärt sie. „Wir kennen die Risiken.“
Ihre Zeit als Krankenschwester in Österreich half ihr, mit dem Tod umzugehen, ebenso wie die Tatsache, dass ihr erster Kletterlehrer ein Priester war, der Pfarrer Erich Tischler. Er erklärte ihr, wie man die Zeichen der Berge liest: Wenn dir die Haare zu Berge stehen, bahnt sich ein Sturm an. Auf Fels musst du mit der ganzen Sohle auftreten. In der Gruppe musst du immer auf den Schwächsten warten. Doch vor allem weihte er sie in das Geheimnis der Berge ein, diesen intensiven Augenblick auf dem Gipfel. Sie erzählt, dass sie betet. „Aber nicht in dem Sinn, alles in Gottes Hand zu geben, ich spreche vielmehr zu dem Schöpfer, dem Erschaffer der Natur.“
Blieb ihr die Zeit, um zu beten, als sie sah, wie Ericsson stürzte? Nein. Zögerte sie eine Sekunde? Nein.
Kaltenbrunner stieg ab. Sie wollte nicht wahrhaben, was geschehen war. Insgeheim hoffte sie auf ein Wunder.
Tatsache ist, dass jeder vierte Bergsteiger, der den Gipfel des K2 erreicht hat, bei vorherigen Versuchen abbrechen musste. Ericsson war fast einen Kilometer in die Tiefe gestürzt, weil der Fels, an dem er sein Seil befestigen wollte, nachgab. Das war um acht Uhr morgens. Die Bergsteigerin brauchte 15 Stunden für den Abstieg, und manchmal, so scheint es, ist sie noch immer dort oben, diese wenigen kritischen Meter vom Gipfel entfernt. Wann wird sie den letzten Teil dieses Berges bezwingen?
„Ich sprach mit Reinhold Messner, der als der weltbeste Bergsteiger gilt. Er sagte mir, dass jeder der Erste sein will und dass ich mir nicht vormachen solle, ich nehme nicht an diesem Rennen teil. Aber ich sagte: ‚Für mich war das nie so. Schon als Kind wollte ich die Dinge aus eigener Kraft erreichen.‘ Es geht nicht darum, die Erste zu sein – oder die Zehnte.“ Der K2, so scheint es, kann warten, bis sie wieder bereit ist.
Gerlinde Kaltenbrunner bestieg den K2 bei einem weiteren Versuch am 23. August 2011. Sie ist nun die erste Frau, die alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bezwang.
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